Ende Mai 2004, irgendwann an einem  Abend bemerkte ich, dass meine rechte Brust wärmer war als meine linke. Als am nächsten Morgen der rechte Busen immer noch sehr viel wärmer war und zudem die Hautfarbe eher aussah wie ein Sonnenbrand, dachte ich noch ok da hab ich mir wohl eine Brustdrüsenentzündung eingehandelt. Als gelernte Kinderkrankenschwester, die auch auf Wöchnerinnenstationen gearbeitet hat, und da öfters mit diesem Krankheitsbild zu tun hatte, meinte ich mit einem bewährten Hausmittel die Sache in den Griff zu bekommen: Quarkwickel.

Man rennt ja als "Fachfrau" nicht wegen jedem Pups direkt zum Arzt.

Ich kühlte also mit Quark, und kühlte und kühlte und es half nichts. Nach immerhin drei Tagen, in denen es keinerlei Besserung gab rief ich freitags (Anfang Juni 04) meine Gynäkologin an, erklärte den Sachverhalt kurz am Telefon und sollte dann sofort als Notfall in die Praxis kommen.

Nach Abtasten und Ultraschall meinte meine Frauenärztin, es könne sich um einen entzündlichen Abszeß handeln, der , da er sehr groß sei (ca Durchmesser von 2,0 cm) operativ eröffnet werden muß.  Sie telefonierte in meinem Beisein direkt mit der nächsten  Klink mit Brustzentrum und machte einen Termin für den folgenden Montag zur Aufnahme  dort. Übers Wochenende sollte ich Antibiotika schlucken und weiter mit Quark kühlen.

Am Wochenende ging dann das Organisieren los. Zu dem Zeitpunkt lebte meine 80 jährige Mutter noch mit im Haushalt, äußerlich noch relativ fit, aber in Wirklichkeit nicht mehr in der Lage alleine zu Hause zu bleiben. Zum Glück erklärte sich meine Nichte Mimi sofort bereit zur Omi zu kommen und ein paar Tage hierzubleiben.

Inzwischen war das Hitzegefühl in der Brust in ein fast unerträgliches Glühen übergegangen. Meine Brust war knallrot, glühendheiß und schmerzempfindlich.

Montag morgen nahm ein Cousin mich auf dem Weg zur Arbeit mit und ließ mich am Krankenhaus aussteigen. Kurz vor 8 Uhr mit Köfferchen und weichen Knien machte ich mich auf den Weg ins Brustzentrum. Dort lief dann das übliche Aufnahemritual ab; Papierkram,  Blutentnahmen, Anästhesistengespräch und dann kam die Untersuchung der Gynäkologen: Ultraschall der Brust von einer Assistenzärztin (Durchmesser des "Abszeß" 3cm, kein Wunder dass ich am Wochenende dachte mir platzt die Brust)                           Mit den Ultraschallbildern bewaffnet verschwand die junge Ärztin um nach einiger Zeit mit der Oberärztin wieder aufzutauchen, die sich dann die Brust nocheinmal via Sonographie ansah. Die OÄ meinte dann sie wolle vorher noch eine Stanzbiopsie machen. Was ich aber verweigerte mit der Begründung, ich hätte keine Lust mir mit so einem Teil den Inhalt des Abszeß quer durch den Busen schießen zu lassen. Zumal ich nicht einsehen würde noch eine Untersuchung über mich ergehen zu lassen obwohl es ja klar sei, dass der Abszeß so oder so rausmüsse.      Das wurde dann (zähneknirschend) akzeptiert, aber die OÄ wollte vorher noch eine Mammographie.

--Wer je in seinem Leben schon mal eine Mammo gehabt hat, kann sich vielleicht ein stückweit vorstellen wie ich mich gefühlt hab...knallharter schmerzhafter Busen... und dann noch diese Tortur--

Damit war ich dann vorerst mal aus dem Untersuchungszimmer entlassen. In der Zwischenzeit war mein jüngster Bruder mal schnell im BZ aufgetaucht (er arbeitet in der Klinik) Es wurde dann noch ein Termin mit der Radiologie gemacht, zwecks Mammographie, die aber erst am nächsten Tag stattfinden sollte.

Inzwischen war es fast 15:30 Uhr und ich durfte erst mal wieder nach Hause. Dort erwartete mich die nächste Hiobsbotschaft...

Meine Mutter saß ganz friedlich im Wohnzimmer im Sessel und war Fernsehen am gucken, was sie mir wohlweislich nicht erzählte war, dass sie im Laufe des vormittags im Wohnzimmer gefallen war und aus eigener Kraft nicht mehr hoch gekommen war. Meine Cousine, die auch einen Zweitschlüssel hat, hat sie so gefunden und sie aus ihrer mißlichen Lage befreit.

Zweiter Tag: diesmal nur mit kleinem Gepäck bewaffnet und im Hinterkopf den Gedanken nach den Untersuchungen wieder nach Hause zu dürfen, machte ich mich dienstags erneut auf den Weg ins  Brustzentrum. Vorher noch Muttern mit allem Lebensnotwendigem - Frühstück, Kaffee, Süßigkeiten, TV-Fernbedienung, Telefon und dem Versprechen nicht durchs Haus zu wandern - im Wohnzimmer geparkt.

Erst im BZ angemeldet, dann in die Radiologie gewandert, dort dann die Mammographie bekommen und oh Wunder, die Radiologieassistentin eine Frau im gesetzteren Alter mit genügend Vorstellungskraft wie schmerzhaft meine Brust ist, macht die Mammo und es ist auszuhalten! Danach hab ich noch das Vergnügen mit einem Oberarzt der Radiologen, der zusätzlich noch einen Ultraschall von meiner Brust macht. Als dieses alles überstanden ist, darf ich mit den neuen Unterlagen bewaffnet wieder zurück ins Brustzentrum und warten bis dort ein Oberarzt Zeit hat das sogenannte OP-Vorgespräch zu führen. Eigentlich sollte dieses Gespräch dieselbe Ärztin führen, die die gestrige Untersuchung gemacht hatte, aber die ist im OP unabkömmlich und so erbarmt sich der für den Kreissaal zuständige OA Dr. L. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen alle Ärzte, die die Untersuchungsbilder (Röntgenaufnahmen von der Mammographie und die Sonobilder) gesehen hatten von einem Abszeß aus.  Dr. L. war der erste und einzige, der meinte man ginge zwar von einem Abszeß aus, aber man wisse nicht was hinter dem Abszeß sei, dort könnte auch ein Tumor sitzen. Damit war das Vorgespräch beendet und ich durfte noch mal nach Hause.

Mittwoch. Der Tag der OP. Nüchtern und mit etwas flauem Gefühl im Magen meldete ich mich in der Klinik auf der Station. Da ich als "Notfall" geführt wurde, hatte man mein Bett in ein 3-Bett-Zimmer als 4. hinzugeschoben. Nachdem ich mich umgezogen hatte, OP-Hemd, Einmalslip und Kompressionsstrümpfe, durfte ich den ganzen Vormittag im Bett liegen  und warten. Viel zu früh bekam ich meine "LMAA"Tablette, ich döste danach ein paar Stündchen und war gegen Mittag wieder fit und immer noch am warten. Da man immer noch von einem Abszeß ausging, stand ich als Letzte auf dem OP-Plan, denn nach mir würde man den ganzen OP-Saal erst wieder sterilisieren müssen, wegen Kontaminationsgefahr. Irgendwann gegen Mittag wurde ich dann endlich zum OP gefahren, munter und nervös. Erschwerend kam noch hinzu dass ich meine Brille nicht mitnehmen durfte, und ohne diese bin ich blind wie ein Maulwurf.

Im OP-Vorraum dann das übliche Procedere: Umbetten, Verkabeln, usw. Der Anästhesist kam zu mir und stellte sich vor und fragte wie es mir ginge. Als ich ihm sagte, dass ich innerlich am zittern sei, meinte er nur, dass sei kein Problem, er würde mir was spritzen. Dormicum.---------Filmriss---------Das nächste, an dass ich mich erinnern kann, ist dass ich am späten Nachmittag (16:30) auf der Station wieder aufgewacht bin. Was im Aufwachraum nach der OP passiert ist, weiß ich nur aus Erzählungen meines Bruders, den man nachdem ich fertig war, gerufen hatte. Ich muß wohl mehrfach versucht haben mir die O²-Nasensonde zu ziehen, auch hatte ich später ein entzückendes kleines "Veilchen" am linken Auge (weiß der Geier mit wem ich da geboxt hab).

Donnerstag (Fronleichnam). Nach dem Frühstück machte die Oberärztin vom Montag Stationsvisite. Sie ging von einem Bett zum anderen, als sie an mein Bett kam, setzte sie sich zu mir aufs Bett und in dem Moment wußte ich, es stimmt was nicht. Sie sagte nur, die OP sei gut verlaufen, man habe aber keinen Abszeß gefunden, sondern einen Tumor. Ich solle das jetzt erst mal sich setzen lassen, die weitere Vorgehensweise würde man in den nächsten Tagen mit mir besprechen. 

..... Ich habe an diesem Tag sehr viel geweint.....

Die Reaktion meiner "Mitpatienten" fiel sehr unterschiedlich aus. Patientin A.:Ende 70,Brustkrebs vor über 20 Jahren, Brustamputation, jetzt einen inoperablen Tumor in der Achselhöhle....keinerlei Reaktion. Patientin B.: Mitte 50, Brustkrebs vor 6 Jahren, Brusterhaltend operiert, jetzt erneut Brustkrebs.... nur am jammern, hätte sie sich nur damals schon die Brust amputieren lassen....                                Patientin C.: Anfang 50, Krebs seit mehreren Jahren, jetzt voller Metastasten und Todeskandidatin....sie kam an mein Bett und hat versucht mich zu trösten.

Freitags. Nachdem man mir erklärt hatte, dass laut Pathologe der entfernte Tumor nicht komplett gewesen sei, dh Reste sich immer noch in meiner Brust befinden würden, bekam ich für den folgenden Mittwoch den nächsten OP-Termin. Dabei würde man mir auch einen Strang Lymphknoten aus der rechten Achselhöhle entfernen. Sollte dabei dann Metastasen entdeckt werden, würde man mir meine rechte Brust amputieren. Das war der Moment wo mein Widerspruchsgeist Kapriolen schlug, nein .. ich will nicht ohne vorher Bescheid zu wissen mir die Brust entfernen lassen. Sozusagen einschlafen und nicht wissen in welchem Zustand man wieder aufwacht. Man bot mir dann an, erst einmal brusterhaltend zu operieren, also nur die Tumorreste und die Lymphknoten zu entfernen. Ich müsse dann evtl noch eine dritte OP über mich ergehen lassen.

Dann wurde noch die Wunddrainage gezogen und ich durfte übers Wochenende nach Hause.

Dienstag eine Woche später: wieder dasselbe Programm zur OP-Vorbereitung...

Mittwochs dann stationär. Diesmal nicht als letzte auf dem Op-Plan, sondern bereits gegen 10:00 Uhr. Da ich ja ungefähr wußte was auf mich zukam, hielt das Flattern der Nerven sich auch etwas in Grenzen, so dass ich noch wach und ohne Dröhnung die OP-Vorbereitungen an mir im OP mitbekam... einpacken in warme Decken... festschnallen auf dem OP-Tisch... verkabeln... erst als der Anästhesist an meiner Infusionsnadel rumfummelt und der Raum (auch ohne Brille) begann watteweich zu werden ... verabschiedete ich mich ins Reich der Träume um .... 

ein paar Stunden ? später im Aufwachraum durch das kratzige Gefühl in meiner Nase wieder wach zu werden.  Es war der Schaumstoff der Nasensonde, der mich nervte. Irgendwann wurde ich zurück zur Station gefahren. Zwei Vollnarkosen innerhalb einer Woche taten ihr übriges. An diesem Tag kam ich nicht mehr auf die Füße. 

Donnerstags morgens war man noch gnädiglich zu mir, ich bekam zum Waschen einen Stuhl ins Bad gestellt. Aber kaum war ich damit fertig mußte ich zum Ultraschall. Mit puddingweichen Knien brachte ich diese Untersuchung auch noch hinter mich. Keine Metastasen am Herz und den inneren Organen ... Aufatmen.

Es wurde im Laufe dieses Aufenthalts noch ein Knochenszintigramm gemacht. Man bekommt eine schwach radioaktive Substanz gespritzt, muß einige Zeit warten, unendlich viel Flüssigkeit in dieser Zeit zu sich nehmen. Dann darf man auf einer Liege unter einem Monstrum aus Stahl Platz nehmen, liegend natürlich. Zuerst fährt ein ca 1m mal 1 m mal 30/40 cm dicker Stahlkasten in einem schneckentempo vom Hinterkopf bis zu den Fersen, dort wendet das Gefährt und es geht von den Zehenspitzen bis über den Kopf. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt keine Probleme mit Platzangst, aber als dieses Teil sich langsam über meinen Kopf schob, kaum 10 cm höher als meine Nase, man im Endeffekt nichts mehr sah als dieses Stahlteil, wurde mir doch schon ganz schön mulmig und ich war echt froh als diese Prozedur zuende war. .... Auch keine Knochenmetastasen....

Genau eine Woche nach dieser OP wurde ich dann mit einem Paket an Folgebehandlungen entlassen. Portzugang, 6 X FAC-Chemo und anschließend noch eine Strahlentherapie.

Mitte Juli wurde dann in einer ambulanten OP ein Portzugang unterhalb meines linken Schlüsselbeins gelegt. Dabei wird ein kleiner Plastikring mit einer Silikonschicht und einem Schlauch der in der Vene liegt unter die Haut gepflanzt. Von außen sieht es dann aus als ob man dort eine Beule hätte. Über diesen Zugang wird die Chemo verabreicht. Der Eingriff selber wäre gut gewesen, wenn der Operateur nicht in nichtbetäubtes Fleisch geschnitten hätte, er sah auch keine Veranlassung nach meinem Protest ein Anästhesetikum nachzuspritzen und hat mit den Worten, er sei gleich fertig, auch da genäht. Aua.

Am 19. Juli hatte meine Mutter abends einen Schlaganfall. Sie hatte einen Gesichtsfeldausfall von 270 °, dh. zb. von einem Teller sah sie nur noch ein Viertel. Nach einer Woche wird sie wieder entlassen, eine Reha hat sie verweigert.

27. Juli meine erste Chemo mit F(Fluoruracil=Antimetabolit) A(Adriamycin=Antibiotika)C(Cyclophosphamid=Nebenprodukt von Senfgas) Nach dem um 8 Uhr der Port angestochen worden ist läuft die Brühe bis ca 14 Uhr in meinen Körper. Um 17 Uhr hab ich das erste Mal mit Übelkeit zu kämpfen und bekomme Zofran. Um 19:30 ist mir schon wieder schlecht, wieder eine Tablette Zofran. Die Wirkung endet um 20:15 diesmal bekomm ich MCP-Tropfen auch bekannt unter Paspertin und ich habe Ruhe. Am nächsten Morgen seh ich aus wie ein roter Pfannkuchen, mein Gesicht ist durch das Kortison aufgequollen und stark gerötet. Meine Schwägerin kommt mich im Laufe des vormittags abholen, bringt meine Mutter mit, die sie an diesen zwei Tagen betreut hat. Ich werd von Stunde zu Stunde schlapper und bin froh den Rest des Tages mit Tee auf dem Sofa verbringen zu können. Gegen Abend kommen noch heftige Gelenkschmerzen dazu. Jetzt hab ich drei Wochen Pause bis zur nächsten Chemo.

In der zweiten Woche nach der Chemo fangen meine Haare an auszugehen. Ich statte meinem Friseur einen Besuch ab und trenne mich von meinem hüftlangen Haaren. Die längsten Haare sind gerade mal noch 10 cm lang und sie fallen schon büschelweise aus.

Chemo Nr.2 Mitte August verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Meine Antibrechmittel nehm ich inzwischen schon beim ersten Rühren meines Magens und warte nicht mehr bis mir richtig schlecht ist.

Chemo Nr. 3 sollte am 7.September stattfinden, aber mein Blutbild ist so schlecht, dass der Termin um eine Woche verschoben wird.     Mitte September darf ich zur 3. antanzen. Inzwischen bin ich kahlköpfig und hab einen absoluten Ekel vor dem Krankenhausessen.

Am 21. September hat meine Mutter Schlaganfall Nr. 2. Diesmal kommt sie nach Absprache mit mir nach ihrem Krankenhausaufenthalt direkt in eine Rehaeinrichtung. Trotz meines maladen Zustandes besuche ich sie täglich und telefoniere noch zusätzlich mit ihr.

Anfang Oktober habe ich Chemo Nr. 4. Die Folgen sind furchtbar. Ich leide unter einer Schleimhautentzündung, angefangen im Mund über Speiseröhre - Magen bis in den  Darm. Jeder Schluck Wasser kann genau von mir geortet werden. Es ist die Hölle. Ich ernähre mich von wenigen Schlucken Tee, Pellkartoffeln und Toastbrot.

Am 19 Oktober wird meine Mutter aus der Reha entlassen. Wir stützen uns beide, sie ist so unendlich froh, dass sie mir Kleinigkeiten abenehmen kann wie zb Tee kochen.

In der Zeit bis zur nächsten Chemo (Nr.5) wächst in mir der Entschluß diese Tortur abzubrechen. Ich sehe keinen Sinn darin meinem Körper diese enorme Belastung weiter zuzumuten. Mein Gedächtnis ist inzwischen ein einziges Sieb, ich erkenne noch Gesichter kann sie aber keinem Namen mehr zuordnen und für einfachste Rechenaufgaben brauch ich den Taschenrechner.

27. Oktober 2004, um 23 Uhr hab ich meine Mutter ins Bett gebracht, da sie ihr Schlafzimmer im ersten Stock hat und die Treppen nicht mehr sicher alleine nach oben kommt, begleite ich sie. (Im Wohnzimmer schlafen will sie nicht). Im Nachbarzimmer steht mein PC und ich sitze dort noch bis 0:30. Die Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter steht offen und ich merke, dass sie sehr unruhig ist. Licht an .. Licht aus .. Licht an ... Licht aus. Bevor ich schlafen gehe (noch ein Stockwerk höher) schaue ich bei ihr rein und frage was denn los sei und warum sie noch nicht schlafe. Ihre größte Sorge ist, ob ich morgen zur Chemo gehe oder nicht. Ich erkläre ihr dass ich zwar morgen ins Krankenhaus fahre, die Chemo aber absagen werde. Danach ist sie beruhigt, läßt sich von mir nochmal zudecken und freut sich dass sie jetzt gut schlafen kann.

28. Oktober.... 5:30 ... ich muß zur Toilette und schaue auch kurz nach meiner Mutter, sie schläft ganz friedlich.  6:06 ein lautes Poltern weckt mich, ich sitze senkrecht im Bett, mein erster Gedanke ist, jetzt ist sie aus dem Bett gefallen. Ich stehe so schnell wie mein Kreislauf es zuläßt auf, renne die Treppe in den ersten Stock runter, in ihrem Zimmer brennt Licht, da ist sie nicht... im Bad brennt Licht...nichts... ich schau die Treppe zum Erdgeschoß runter... da liegt sie zusammengekauert auf den Steinfliesen. Sie rührt sich nicht. Ich renne die Treppe runter, unter ihr hat sich bereits eine riesige Blutlache gebildet. Ich sehe nicht, ob sie noch atmet und fühle ihren Puls. Dabei seh ich dass sie eine riesige Platzwunde am Kopf hat. Sie atmet nicht, ich  fliege ans Telefon und wähle den Notruf. Mit Papiertüchern bewaffnet eile ich zu meiner Mutter zurück und versuche Mund und Nase vom Blut zu befreien ohne sie großartig zu bewegen, so daß sie atmen kann.  Sie fängt an zu stöhnen. Ich rede mit ihr und versuche sie zu beruhigen, der Notarzt sei unterwegs. Da es draußen noch dunkel ist, probiere ich die Haustür zu öffnen. Meine Mutter liegt zu dicht sodass ich sie nicht aufbekommen würde. Also ziehe ich sie vorsichtig einige cm nach hinten. Es reicht gerade um mit dem Arm durch die Tür zu kommen und den Bewegungsmelder des Hauslichtes zu aktivieren. Als ich die Sirenen des Rettungswagen höre, mache ich mich so bemerkbar. Zwei Rettungssanitäter sind die ersten die eintreffen. Der eine quetscht sich durch die Tür und der zweite hebelt die Haustür aus, um mehr Platz zu bekommen. Die beiden Sanitäter kümmern sich um meine Mutter und ich versuche meinen Cousin telefonisch zu erreichen, der nur einige Häuser weiter wohnt. Als ich ihn nicht erreiche, rufe ich meinen ältesten Bruder an, er ist zwar zuhause hat aber kein Auto um sofort zu kommen. In der Zwischenzeit ist der Notarzt eingetroffen, man beschließt aufgrund der Enge im Hausflur meine Mutter im Notarztwagen weiterzubehandeln. Da ich nichts mehr weiter tun kann, rufe ich meine anderen Brüder an. Der mittlere ist zuhause, aber er wohnt zuweit weg, als dass es etwas bringen würde wenn er sofort käme. Der jüngste ist im Urlaub mit seiner Familie, ich spreche ihm auf die Mailbox und hoffe dass er die Nachricht bekommt. In der Zwischenzeit ist meine Cousine vor der Haustür, ich sage ihr was passiert ist, sie hilft mir die Blutlache im Flur aufzuwischen. Meine Mutter wird im Notarztwagen behandelt. Kurz nach 7 Uhr fährt der Krankenwagen sie in die nächste Klinik. Mein Cousin hängt meine Haustür wieder ein und wir verabreden, dass er seine Frau und mich gegen 8 Uhr ins Krankenhaus fährt. Ich lauf immer noch im Schlafanzug und Bademantel und Nachtmütze (dank der Chemo hab ich ja Glatze) rum. Nachdem ich mich fertiggemacht habe, ruf ich meinen beiden älteren Brüder wieder an und sage ihnen dass es schlimm um unsere Mutter steht. Ich muß mich zwingen wenigstens eine Tasse Tee zu trinken. Kurz vor 8 fährt mein Cousin uns in die Klinik. Wir kommen an der Notaufnahme vorbei, wo zwei Putzfrauen gerade Reste von Blut am wegputzen sind. An der Pforte schickt man uns zur Neurochirugischen Intensivstation, dort warten wir erst einmal bis ein junger Arzt uns in ein Besucherzimmer bittet. Er erklärt uns, dass aufgrund der schweren Kopfverletzungen, die sie erlitten hat, sie den vormittag nicht überleben wird. Man habe auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet, da sie bereits im Notarztwagen hirntot gewesen wäre. Ich möchte zu ihr. Es ist kurz nach 8 Uhr. Erst müssen wir unsere Jacken gegen einen Schutzkittel tauschen, mein Kopftuch darf ich anbehalten. Sie liegt in einem Überwachungszimmer, angeschlossen an einen EKG-Monitor. Ihre Hautfarbe ist wachsgelb, ihr rechtes Auge dunkelblau und zugeschwollen, Kinn und Halsbereich sind durch den Kieferbruch dick geschwollen, ihre schwere Kopfverletzung hat man mit einem riesigen Verband verdeckt. Sie hat die Augen geschlossen, eine Atmung ist nicht zu erkennen, nur das piep-piep vom Monitor zeigt dass ihr Herz noch schlägt, wenn auch nur noch mit einer Frequenz von 20 Schlägen/min. Man bringt sofort Stühle, damit wir uns zu ihr setzen können. Ihre Hände hat man unter die Bettdecke gepackt, sie sind eiskalt. Als ich ihre Hand in meine nehme, sage ich zu ihr "Mama ich bin jetzt hier", in dem Moment geht der Pulsschlag von 20 auf 70 hoch, für wenige Sekunden, für mich ein Zeichen, dass sie mich bemerkt hat. Man bietet mir an meine Geschwister anzurufen, aber ich lehne ab, da eh keiner rechtzeitig mehr hiersein könnte. Ich bitte darum, dass ein Geistlicher gerufen wird, damit meine Mutter die Krankensalbung bekommt, ich weiß dies wäre für sie sehr wichtig. Man telefoniert nach dem Pater und wir warten, halten Hände und sind einfach nur da. Der Pater kommt ca 8:30, er zelebriert die letzte Ölung. 8:35 ihr Puls wird immer weniger, der Pfleger stellt den Alarm aus. 8:38 ihr Herz schlägt noch einmal und dann nicht mehr. Der Stationsarzt hört sie nochmal ab. Sie ist gestorben. Man kondoliert mir und meiner Cousine und läßt uns noch die Zeit bei ihr sitzen zu bleiben. Kurz nach 9 Uhr verlassen wir die Klinik. Ich bin kaum eine halbe Stunde zuhause, als das Telefon klingelt und die Kripo dran ist. Ob man gleich mal bei mir vorbeikommen könne? Es dauert nicht lange und zwei Beamte stehen vor meiner Tür. Da meine Mutter nach einem Unfall verstorben sei, müsse die Polizei untersuchen ob ein Fremdverschulden vorliege. Man sieht sich die Treppe an, ein Beamter fragt ob er sich das ganze auch vom oberen Treppenabsatz ansehen darf, läßt sich von mir den Unfallhergang schildern und kommt noch in meinem Beisein zu der Erkenntnis es sei eindeutig ein Unfall gewesen.

In der Zeit danach folgen unendlich viele Telefonate mit Verwandten, Bekannten und Freunden. Die Beerdigung meiner Mutter muß vorbereitet werden. Mein jüngster Bruder und ich koordinieren mit Hilfe eines Beerdigungsinstituts alles. Anfang November wird meine Mutter beerdigt.

Eine Woche nach der Beerdigung fahre ich zur Klinik um meine weitere Behandlung abzusprechen. Mein Vorhaben keine Chemo mehr zu machen stößt auf absolutes Unverständnis. Erst probiert man mir Angst zu machen, so ala wenn sie jetzt abbrechen und der Tumor kommt wieder ... ,dann bietet man mir an die Chemo ambulant zu machen, oder eine schwächere Chemo... ich lehne ab, denn  mein Entschluß steht fest. Nie mehr Chemo!!!

Das nächste was folgt ist ein Termin in der Onkologischen Radiologie. Da ich brusterhaltend operiert worden bin, ist die Bestrahlung der betroffenen Seite standard. Mit einer Bescheinigung für meine Krankenkasse zwecks Taxifahrten, darf ich wieder nachhause.

Anfang Dezember muß ich zum "Einzeichnen". Dabei wird die Brust genau ausgemessen und mit wasserfesten Stiften werden Kreuze und Linien gemalt um eine genaue Platzierung der Bestrahlung zu gewährleisten. Zusätzlich wird man mit klarem Pflaster zugeklebt und bekommt die Ermahnung mit, die Stellen ja nicht wegzurubbeln, nach dem Duschen nur trockenzutupfen.

Jede Bestrahlung läuft eigentlich gleich ab. Man hat eine feste Uhrzeit zu der man täglich von Montags bis Freitags zu erscheinen hat. Eine Radiologieassistentin ruft einen dann in eine kleine Umkleidekabine, die man von innen verschließt. Dort macht man dann die Brust frei und wartet bis die Tür von innen geöffnet wird. Mit einem Handtuch bewaffnet gehts dann in den eigentlichen Bestrahlungsraum. Auf der Liege ist schon ein Extrabrett bei dem man die Arme über den Kopf legt. Dann Handtuch auf die Liege, Patient auf die Liege, die Assistentin stellt das "Monstrum" mit Hilfe der Linien und Kreuze und dem Computer richtig ein, dh man selbst bleibt liegen und wird passende gezogen, gedreht, gewendet. Ist diese Prozedur erledigt, verschwinden alle Personen aus dem Raum, über eine kleine Kamera werde ich beobachtet. Das Monstrum beginnt dann zu brummen und ich liege still und zähle bis 80, es summt noch einmal, die Tür geht auf, eine Assistentin kommt rein, stellt die Liege wieder gerade, fährt mich evtl runter und ich bin für dieses Mal erlöst. Ab in die Umkleidekabine, wieder anziehen, Taxi bestellen, und Heimfahrt. Zuhause dann erst einmal hören was der Körper möchte, Kaffee und hinlegen. Diese ganze Prozedur dann 30 mal. Ende Januar war ich auch mit diesem Teil der Behandlung durch. Die Haut an meinem bestrahlten Busen hatte sich dunkel verfärbt und blätterte nach jedem Duschen ab. 

Seitdem sind fast 2 Jahre vergangen. In dieser Zeit durfte ich alle 3 Monate zur Nachsorgeuntersuchung, die bis heute ohne einen neuen Befund geblieben ist. Die Beweglichkeit in meinem operierten Arm (dort wurden die Lymphknoten entnommen) ist Dank hartem Training zu 100% wieder hergestellt (die Narbe war mit dem Brustmuskel verwachsen und ich konnte den Arm nur noch max.90° abwinkeln!) 

Das einzige was mir aktuell gesundheitlich auf den Keks geht ist meine Schuppenflechte, die sich die ganze Zeit während meiner BK Erkrankung nicht gerührt hat, aber jetzt heftigst am blühen ist. Da die Haut ja ein Spiegel der Seele ist, bin ich mir auch sehr sicher, wem ich dieses Aufflammen zu verdanken hab. (siehe Chronologie einer vergangenen Liebe)     

Nachdem ich lange Ruhe hatte, zeichnete sich jetzt seit einiger Zeit bereits ein Lymphstau ab. Trotz regelmäßigem wöchentlichem Lymphtraining wurde meine rechte Hand und auch der rechte Arm immer dicker. Heute war dann ein Stadium erreicht bei dem meine Lymphtrainerin meinte, Drainage alleine reicht nicht mehr. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass der ganze rechte Arm von den Fingerspitzen bis zur Schulter zuerst einmal bandagiert wird auch um zu sehen ob ein Armkompressionsstrumpf etwas bringen würde auf Dauer. Ich bin schon ganz begeistert *seufz*.